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Wirtschaft - 18.10.2018

Was hat der Brexit mit Frankreichs Provinz zu tun?

Briten, die über den Kanal gezogen sind: Sie sind ein wirtschaftlicher Segen für Frankreichs ländliche Gegenden. Ob der auch nach dem Brexit genauso anhalten wird, ist fraglich. Lisa Louis aus Verteillac.

Verteillac im Département Dordogne ist ein typisches Dorf im Südwesten Frankreichs. Es hat eine Kirche, zwei Friseure, einen Fleischer und einen Bäcker. Weiße Kalksteinhäuser umgeben den Marktplatz, auf dem eine Fontaine vor sich hinplätschert.

Aber so ganz französisch ist das Dorf dann doch nicht, denn rund 40 Prozent seiner 650 Einwohner sind Briten. Sie tragen einen erheblichen Teil zum Dorfleben und zur lokalen Wirtschaft bei. Ob alle von ihnen auch nach dem Brexit, also dem Austritt Großbritanniens aus der EU Ende März 2019, bleiben werden, ist jedoch ungewiss.

Gerade verhandeln die EU und Großbritannien in Brüssel darüber, den Austritt so sanft wie möglich zu gestalten. In Verteillac, und auch in anderen Dörfern Frankreichs, könnte er der lokalen Wirtschaft dennoch einen erheblichen einen Schlag versetzen.

„Kommen Sie rein – ich zeige Ihnen die Bar“, sagt Rebecca Walters, die hier alle Bex nennen. Sie führt durch das Restaurant, das sowohl französischen Wein als auch britische Chips anbietet. Die 41-jährige hat im vergangenen November Le Calice gekauft, das Lokal blitzschnell für 10.000 Euro in zwei Tagen renoviert und hält es seitdem täglich von morgens acht bis abends zehn geöffnet.

„Die vorherigen Besitzer hatten immer nur ein paar Stunden am Tag auf – zu den Essenszeiten. Aber ich denke, es ist wichtig, präsent zu sein – das gibt dem Dorf einen Anlaufpunkt“, sagt sie. Die Engländerin hat dafür zehn Teilzeitkräfte angestellt.

Rebecca „Bex“ Walters in ihrer Bar in Vilmorin. Ihr würde das Herz brechen, wenn sie fort müsste, sagt sie.

„Nutze den Tag!“ – Brexit hin oder her

Zu dem Sprung über den englischen Kanal hatte sie sich kurzerhand entschlossen, obwohl sie wusste, dass der Brexit kommt, und sie keine französische Staatsbürgerschaft hat. „Es war immer der Traum meines Vaters, seinen Ruhestand in Frankreich zu verbringen. Meine Eltern hatten hier schon ein Haus gekauft, und mein Vater wollte nur noch zwei Jahre warten, bis er seine volle Rente bekommen würde. Doch in den zwei Jahren bekam er Alzheimer und starb“, erzählt sie. „Es könnte noch Jahre dauern, bis wir die genauen Regeln für uns Briten im Ausland nach dem Brexit kennen. Diese Zeit habe ich nicht – ich will mein Leben jetzt leben, den Tag nutzen und Dinge ausprobieren. Egal, was danach kommt.“

Bex scheint nicht die einzige Britin zu sein, die so denkt. Trevor Leggett ist Immobilienmakler im benachbarten Rochebeaucourt. Die Hälfte seiner Kunden kommt aus Großbritannien. Die werden dieses Jahr wohl 20 Prozent mehr Häuser als im vergangenen Jahr kaufen – auch wenn das jetzt kleinere Häuser sind, weil das britische Pfund seit dem Brexit-Referendum an Wert verloren hat.

Panikkäufe vor dem Brexit

„Die Leute sind in Panik und denken, sie könnten nach dem Brexit keine Häuser mehr in Frankreich kaufen – obwohl das ja unsinnig ist,“ sagt er. Für Frankreichs ländliche Gegenden seien das gute Neuigkeiten. „Die Briten kaufen Häuser in abgelegenen Orten, die sonst keiner kaufen würde, und renovieren sie für viel Geld. Das gibt den lokalen Handwerkern Arbeit,“ sagt er.

Trevor Leggett, Immobilienmakler in Rochebeaucourt sagt, dass die Hälfte seiner Kunden aus Großbritannien kommt..

Und nicht nur das, meint Christopher Dembik, Chef-Makroökonom bei der Pariser Saxo Bank. „Die rund 200.000 Briten in Frankreich sind oft gut ausgebildet und eröffnen hier Bars oder auch andere Geschäfte“, sagt er. „Außerdem zahlen sie Steuern und füllen so die Kassen der lokalen, kleinen Kommunen etwas auf.“

Kleine Dörfer habe Frankreich so viele wie sonst kaum ein anderes Land in Europa. Aus denen würden die jungen Leute wegziehen auf der Suche nach Arbeit. Ausländer wie vor allem die Briten füllten diese Lücke. „Ihnen scheint genau das zu gefallen, wovor unsere Jugend flieht – die Langsamkeit und die Ruhe auf dem französischen Land.“

Höhere Hauspreise

Verteillacs Bürgermeister Hervé de Vilmorin freut sich über die britische Präsenz. „Unsere Briten bringen den lokalen Geschäften Umsatz – ohne sie hätten hier bestimmt schon einige Läden zumachen müssen“, sagt er in fließendem Englisch. Im Gemeinderat sitzen auch zwei Engländer, die sich unter anderem um Volksfeste kümmern.

Ein paar Nachteile hätte der Bevölkerungszufluss aber schon, gibt der Bürgermeister zu. „Die Häuserpreise sind etwas in die Höhe gegangen, und das gefällt natürlich nicht allen.“ Außerdem sprächen nicht alle Briten französisch, und mit der Integration hätte es deswegen nicht immer so gut geklappt.

„Eine Zeitlang sind viele Briten nur unter sich geblieben und haben Englisch gesprochen – auch weil es hier so viele von ihnen gibt“, sagt er. „Doch seit unserem Volksfest Félibrée 2014 hat sich das wirklich verbessert. Damals haben 12.000 Franzosen und Briten miteinander gefeiert, und ich habe das Gefühl, seitdem verstehen sich die Leute besser. Und die Briten strengen sich mehr an, französisch zu sprechen.“

Bürgermeister de Vilmorin spricht fließend englisch und stellt erleichtert fest, dass auch die Briten jetzt französisch lernen.

Mehr Papierkram nach dem Brexit

Generell bleibe die Sprache dennoch oft eine Barriere, meint Ökonom Dembik. Das sehe man auch an der Anzahl der Anträge auf eine französische Staatsbürgerschaft seit dem Brexit-Referendum 2016. Dafür muss man nämlich Französisch können. Nur 3000 Briten haben sich laut offiziellen Zahlen beworben.

Wer nach dem Brexit keine französische Staatsbürgerschaft hat, für den wird es zumindest deutlich mühsamer, in Frankreich zu bleiben, so Dembik. „Ich glaube zwar nicht, dass Frankreich sie einfach so rauswirft, aber sie werden wohl eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen müssen wie alle EU-Ausländer. Das ist viel Papierkram, und außerdem muss man die alle paar Jahre erneuern lassen“, meint er.

Zumindest Bex wird das wohl nicht abschrecken. Sie will bald einen französischen Pass beantragen. „Ich hoffe natürlich, dass mein Restaurant mir ein paar Pluspunkte verschafft – schließlich habe ich ja schon einen Fuß in der Tür, zahle Steuern und bin in der französischen Krankenversicherung“, sagt sie. Sollte Becks dennoch irgendwann Frankreich verlassen müssen, will sie vielleicht weiterziehen, in ein anderes Land. „Ich würde schon irgendetwas für mich finden – da bin ich mir sicher“, sagt sie. „Aber es würde mir natürlich trotzdem das Herz brechen, hier weggehen zu müssen.“

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