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Wirtschaft - 2 Wochen ago

Deutsche Teilzeit-Winzer auf Mallorca

Mallorca ist ein Urlaubsparadies: Für Vieltrinker mit großem Durst und wenig Geld genauso wie für den gehobenen Mittelstand. Der kauft sich nicht mehr nur ein Bauernhaus – der versucht sich immer häufiger als Winzer.

In Hamburg wohnen Alexandra und Sören Grahe im gediegenen Hafenviertel. Sie arbeitet als Personalerin, er als Controller. Aber das reicht den beiden nicht als Herausforderung. Vielleicht liegt es daran, dass sie keine Kinder haben und deswegen risikofreudiger sind.

Es ist Februar und trotzdem schon so sonnig auf Mallorca, dass Jacken überflüssig sind. Die 48jährige läuft wie ein junges Mädchen mit Turnschuhen und Jeans über ihren eigenen Ackerboden. Jeden Monat kommt sie für ein paar Tager hierhin. Der Stolz über ihr kleines „Weingut“ ist ihr anzusehen. Seit einem Jahr ist die gelernte Psychologin Teilzeitwinzerin und liegt damit voll im Trend. Jeden Tag lernt sie dazu.

„Auf dem bisher wenig bekannten Anbaugebiet Mallorca finden sich Mittelmeer-Traube-Malsavia und die weisse spanische Macabeo-Traube sowie Syrah, aber auch Chardonnay und Sauvignon sind auf der Insel sehr beliebt“, erzählt sie. Der Wein verkauft sich dank der 14 Millionen Touristen gut. Ingesamt gibt es auf der Insel bereits 90 Weinkellereien, immer häufiger mit ausländischem Kapital finanziert. Diese Investoren sehen das aber oft nur als Hobby – wie die Grahes. Nur wenige schaffen es in den internationalen Export.

In Deutschland Geld verdienen und es in mallorquinischen Wein investieren: Alexandra und Sören Grahe sind Hobbywinzer.

Teilzeitwinzer auf Mallorca – ein neuer deutscher Trend

Das liegt auch daran, dass viele gerne Wein trinken, aber sonst nichts von Landwirtschaft verstehen. Das auf Mallorca ansässige deutsche Unternehmen Weinwert um Chefwinzer Henri Fink berät die Hamburger deswegen bei ihrem Abenteuer. Den gröβten Einfluss in Sachen Weinbau haben aber immer noch die Mallorquiner, wenn auch im Hintergrund als Kellerer und Oenologen.

Sie schauen auf eine lange Tradition zurück, die im 19.Jahrhundert allerdings durch eine Reblausplage jäh unterbrochen wurde. Erst seit einigen Jahrzehnten wird mit dem Aufschwung des Tourismus wieder in Wein investiert. Marktführer ist José Ferrer – eine Traditionskellerei in Binissalem bei Inca, die schon in der fünften Generation Wein anbaut und die meisten Anbauflächen besitzt. 

Dagegen ist Grahes  „WeinFeldSineu S.L.“ eher übersichtlich. Das Ehepaar  kaufte für 80.000 Euro rund 7000 Quadratmeter Anbaufläche im Inselinneren, bei Sineu, wo das Land noch relativ günstig ist. Hier haben sie auch seit einigen Jahren ein kleines Stadthaus: „Wir wussten, auf was wir uns einlassen“.

Im Südwesten, wo derzeit die meisten Ferienimmobilien verkauft werden und gemäβ einer Studie von Porta Mallorquiner die Preise im vergangenen Jahr um weitere 16 Prozent stiegen, hätte sich das Paar noch nicht einmal eine Garage kaufen können, da sich hier die Quadratmeterpreise auf doppeltem Niveau zwischen 5700 und 8700 Euro bewegen.

Hohe Anfangsinvestitionen – anspurchsvolles Klima

Aber teuer ist für zukünftige Winzer nicht nur der Grundstückskauf. DieGrahes zahlten im vergangenen Jahr weitere 40.000 Euro für die Bepflanzung des direkt an der Landstrasse liegenden Ackers. Weitere 10.000 Euro kostet die jährliche Instandhaltung. Wenn 2020 erstmals gekeltert wird, dann muss das Paar nochmals ordentlich in den Geldbeutel greifen.

Auf Mallorca Wein anzubauen ist genauso anspruchsvoll wie anderswo: Für die nötigen Investitionen braucht es viel Geld.

Bis dahin finanzieren sie ihr Abenteuer mit Rebstock-Patenschaften, das neue Crowdfunding der Weinbauer auf Mallorca. 63 Menschen haben sich ihnen schon angeschlossen. Ab 50 Euro im Jahr gibt es den eigenen Wein nach Hause und wenn der Pate auf der Insel ist, kann er mit den Grahes das Feld besuchen und Tapas unter der Sonne geniessen. Bis zum Versand der eigenen Flaschen dauert es aber noch drei Jahre.

Langer finanzieller Atem ist damit nicht nur bei den Winzern notwendig. Nicht nur die Grahes finanzieren sich mit Patenschaften, sondern auch bereits  renommiertere Kellereien wie das Castell Miquel. Für den dortigen Besitzer Michael Popp ist das Weingut jedoch inzwischen ein großes Unternehmen, das mehr als 20 Menschen beschäftigt. Neben vielen Events und Hochzeiten findet hier im Gebirge im Dezember ein auch bei den Deutschen beliebter Weihnachtsmarkt statt.

Popp baut schon seit 1994 Naturheilpflanzen auf der Insel an. Er kennt den Boden und auch den Umgang mit Behörden und Einheimischen. Dennoch ist er wie die Grahes nur ein Teilzeit-Resident auf der Insel, da er in Deutschland unter anderem die Naturarzneifirma Bionorica besitzt.

Popps Bodega wickelt an Ort und Stelle den gesamten Prozess ab und bringt jedes Jahr 180 000 Flaschen auf den Markt, die vor allem auf der Insel verkauft und nach Deutschland exportiert werden.

Der vielsprachige Michele Baldassarre, der Popps Wein- und Gastronomie-Geschäfte in dessen Abwesenheit gemeinsam  mit einem mallorquinischen Oenologen leitet, lächelt bei der Frage, ob das Castell vor dem Tramuntana-Gebirge wirklich Geld abwirft: „Natürlich ist es rentabel“. Aber der gelernte Koch gesteht ein, dass dafür Millionen-Investitionen notwendig waren: „Es war eine Hühner-Fabrik. Popp hat es 1999 komplett umgebaut.“ Seit 2002 entstehen hier Weine, die inzwischen zu den edleren Tropfen der Insel zählen.

Ein Geschäft auch für Frauen

Für Weinexperten Jaime Sancho  sind mallorquinische Weine jedoch noch zu teuer: „Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt nicht.“ Der der mallorquinische Sommelier Daniel Arias erklärt, wearum das so ist: „Es liegt daran, dass die Produktion hier teilweise noch wie eine Manufaktur abläuft.“

Mallorquinisches Crowdfunding: Wer nicht selbst Wein anbauen will, kann die Patenschaft für einen Rebstock übernehmen.

Die Flasche kostet zwischen 10 und 30 Euro im Endverkauf: „Aber trotz des hohen Preises bleiben nur wenige Weine am Ende des Jahr im Lager“, sagt Arias, der auch dem Sommelier-Verband der Insel vorsteht. Fast alles wird an die Touristen in edlen Hotels, Restaurants und auf Yachten verkauft, wo der Preis oft keine Rolle spielt.

Aber auch das Exportgeschäft könnte bald massiv angekurbelt werden. Denn die ausländischen Finanzspritzen tragen dazu bei, dass die Infrastruktur wächst, Kooperativen wiederbelebt werden und eine Modernisierung in der Herstellung vollzogen wird, welche die Kosten langfristig senken wird.

„Hier spielen auch immer mehr Frauen eine wichtige Rolle“; berichtet Sancho. Dazu gehört Christina Schallock, die sich mit ihrem Weingut Xaloc auch seinen Respekt verschafft hat. Die Münchenerin kam vor 20 Jahren auf die Insel, um einen Golfclub zu managen: „Inzwischen bin ich alt und weit weg von der Familie, das große Geld mache ich auch nicht, aber das Leben zwischen Olivenbäumen, Wildziegen und Rebstöcken macht mich glücklich.“

Ob Alexandra Grahe ähnlich erfolgreich im mallorqunischen Weinbusiness wird, bleibt abzuwarten. Den Elan und die Kreativität dafür hat die Personalfachfrau: „Wenn es nicht klappt, dann haben wir immer noch das Land, das wir wieder verkaufen können“, sagt sie.

Die Hamburgerin sitzt mit Mann Sören auf ihrer kleinen Terasse auf dem Feld und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Ihr „Weingut“ ist schon jetzt wie ein Baby für die beiden. Doch noch wissen auch sie nicht, was nach den Jahren der Reben-Aufzucht dabei herauskommen wird und die Paten auch nicht. 

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